Sensomotorische Amnesie am Beispiel der vorgezogenen Schulter verstehen und auflösen
Biomechanische Hintergründe der protrahierten Schulter und ihre ganzheitlichen Folgen für Alltag und Sport
Kennst Du das? Trotz regelmäßigem Dehnen der Brustmuskulatur oder kräftigendem Rudertraining wollen die Schultern einfach nicht dauerhaft in ihrer neutralen Position bleiben. Kaum lässt die bewusste Aufmerksamkeit nach, rollen die Schultern wieder nach vorne-unten.
In der somatischen Bewegungspraxis und Neuroathletik wird hierbei häufig von
Sensomotorischer Amnesie
gesprochen.
1. Sensomotorische Amnesie: Das Grundprinzip
Der Begriff geht maßgeblich auf Thomas Hanna (Hanna Somatics) zurück. Die zentrale Erkenntnis lautet: Chronischer Alltagsstress, bewegungsarme Haltungsmuster (wie stundenlanges Arbeiten am Bildschirm) oder alte Schutzreflexe führen dazu, dass bestimmte Muskelgruppen in einer kontinuierlichen, unterschwelligen Daueranspannung verharren.
Das Problem liegt hierbei nicht in einer strukturellen Verkürzung des Gewebes. Vielmehr hat das Nervensystem – genauer gesagt das motorische Areal des Cortex – die willkürliche Feinsteuerung teilweise verloren. Das Gehirn hat gewissermaßen „vergessen“, wie es diese Muskeln vollständig entspannen oder ihre gegenspielenden Muskelgruppen gezielt ansteuern kann.
Wichtiger Hinweis:
Reines Dehnen setzt nur am Gewebe an, verändert aber nicht die Software im zentralen Nervensystem. Um dauerhafte Stabilität und Beweglichkeit zu erlangen, muss das Ansteuerungsmuster im Gehirn neu erlernt werden.
2. Am Beispiel der vorgekippten Schulter:
3. Ganzheitliche Auswirkungen im Körper
Eine Schulterprotraktion bleibt nie ein lokales Geschehen, sondern pflanzt sich über myofasziale Ketten im gesamten Organismus fort:
- Atmung & Zwerchfell: Die Fixierung der oberen Rippen durch den M. pectoralis minor schränkt die Bewegung des Brustkorbes ein.
Die Atmung verlagert sich vermehrt in die obere Brust, was die Atemhilfsmuskulatur überlastet.
- HWS & Kiefer: Zur Kompensation des nach vorne verlagerten Schwerpunkts wandert der Kopf in eine nach vorne geschobene Position, was die obere Halswirbelsäule und das Kiefergelenk erheblich belastet.
- Myofasziale Ketten: Über die vordere und oberflächliche Rückenlinie reagieren Beckenstellung und Beinachse kompensatorisch auf die veränderte Statik der Brustwirbelsäule.
4. Auswirkungen auf die sportliche Leistung
Am Beispiel Laufen: Verlust des elastischen Energietransfers
Beim ökonomischen Laufen sorgt der gegengleiche Armschwung für eine Vorspannung der funktionellen Faszienlinien. Fehlt die Bewegung/das Zurückziehen des Schulterblattes, geht dieser elastische „Recycling-Effekt“ verloren. Der Körper muss mehr aktive Muskelarbeit aufwenden, was den Energieverbrauch bei gleicher Geschwindigkeit erhöht.
Am BeispielTriathlon: Der Dreifach-Effekt
- Schwimmen: Dreht sich das Schulterblatt nicht richtig mit, wird es eng unter dem Schulterdach. Sehnen werden eingeklemmt und das Risiko für Schulterschmerzen steigt drastisch.
- Radfahren: Die lange, nach vorne gebeugte Position auf dem Rad sorgt dafür, dass das Nervensystem die runden Schultern als neue „Normalhaltung“ abspeichert.
- Laufen:
Wenn man danach läuft, müssen die ohnehin schon erschöpften Muskeln, die uns eigentlich aufrecht halten sollen, gegen diese tief im Gehirn sitzende Gewohnheit ankämpfen, den Körper nach vorne zu beugen.
5. Lösungsansatz: Neuromuskuläres Wiedererlernen
Da die Sensomotorische Amnesie ein Ansteuerungsproblem darstellt, erfordert die Korrektur gezielte Impulse:
Um eine Hand gezielt zu bewegen (motorischer Cortex), benötigt das Gehirn ständiges Feedback darüber, wo sich die Hand befindet und wie sie sich anfühlt (somatosensorischer Cortex). Das Wiedererlernen trainiert genau diese Vorgänge:
- Somatosensorische Schärfung: Durch sanfte vibratorische Reize, gezieltes Berühren oder sanfte Gewebekompression wird die somatosensorische Wahrnehmung des Zielmuskels im Gehirn geschärft.
- Pandikulation: Der betroffene Muskel wird zunächst bewusst minimal angespannt und anschließend über 8–10 Sekunden extrem langsam und kontrolliert unter hoher Aufmerksamkeit verlängert. Dies setzt den erhöht eingestellten Grundtonus der Muskelspindeln zurück.
- Funktionelle Integration: Erst nach der Freischaltung im Gehirn werden die neu gewonnenen Bewegungsspielräume in funktionelle (alltägliche und ggf. sportliche) Bewegungsmuster integriert.
Sobald das zentrale Nervensystem wieder spürt, dass die hintere Kette sicher ansteuerbar ist, lässt die chronische Schutzspannung auf der Vorderseite nachhaltig nach!